Tanger – zwei Eindrücke

Tanger 08

Seit ich in einem Kochbuch das Photo eines Gewürzstandes in Marokko sah, wollte ich nach Marokko.
Auf eine Liste „ideale Reiseländer für alleinreisende Frauen“ würde Marokko es wahrscheinlich nicht unter die ersten 10 schaffen.
Und so war ich noch nie dort und vergaß diesen Wunsch oder ersetzte ihn durch die Idee nach Ägypten zu wollen. Auch dort war ich noch nie.

Aber das Universum vergisst Wünsche ja nicht und erfüllt sie uns, wenn wir am wenigsten mit ihnen rechnen.

Bevor ich also Ende November nach Luxor komme, betrat ich marokkanischen Boden.

Erstaunlicher Weise ist es erstmal recht frisch. Der Himmel ist bedeckt. Tapfer treten wir den langen Weg durch den Hafen an. Wir sind eine vergleichsweise große Gruppe. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es ab mehr als 4 Leuten anstrengend wird, wir sind zu siebt. Aber wir Frauen (3) haben uns männliche Begleitung (4) gewünscht und es ist eine ganz entspannte Gruppe.
Keiner von uns hat einen Plan, aber alle ganz gute Instinkte. So gehen wir erstmal eine Weile bergauf.
Fand ich es frisch?
Die Luft ist schwül und klebrig und macht das Atmen schwer.
Nach der steilen Straße kommen Stufen und wieder eine Straße – so hoch sah das von unten gar nicht aus! Einheimische winken uns ungefragt in eine Richtung: unser erster Bazar.
Es ist Ramadan – wir hatten nicht damit gerechnet überhaupt offene Geschäfte zu finden!
Nach längerem Umherirren treffen wir auf einen weiteren Bazar: Hühner mit zusammengebundenen Beinen, durchaus lebendig, liegen neben Stapeln von frischer Petersilie und Minze. Kleine Fleischstände und große Stände mit Teigwaren, die frisch auf einer Art Crepe-Platte zubereitet werden. Die fertigen Teilchen sehen klebrig süß und lecker aus. Das finden auch die Wespen, die sich in hellen Scharen auf dem Gebäck tummeln.
Dazwischen Gemüse, Obst, Stände mit 5 verschiedenfarbigen Oliven, Datteln, getrockneten Feigen.

Neben ganz oder teilweise verschleierten Frauen und Männern in Kaftanen und europäischer Kleidung sehe ich viele Frauen in einheimischer Tracht: Spitze Strohhüte mit nach außen gewölbter Krempe, die Hüte sind außerdem mit grünen Wollbändern verziert. Sie tragen weiße Blusen und bunte Umschlagtücher.

Ich traue mich nicht, Menschen zu lange anzusehen – mein Kollege raunt mir zu „Hier sind wir die Exoten.“ Recht hat er. Es fühlt sich seltsam an.

Nach 2 Stunden haben wir Kaffee-Durst. Wir machen uns wenig Hoffnung, ein Café zu finden. Wie gesagt, es ist Ramadan. Aber an einem großen Platz haben wir Glück. Der Wirt spricht alle Sprachen und versichert uns, daß Trinken, Essen, Rauchen bei ihm alles kein Problem sei. Und dann sitzen wir da mit unserem Café Arabienne oder dem frischen heißen Pfefferminztee und sehen uns das Treiben an, als plötzlich der Muezzin zum Gebet ruft.
Man kennt es aus Film und Fernsehen, aber das hier ist echt und berührend. Die Menschen um uns machen weiter wie bisher, ich halte innerlich inne und genieße diesen Moment, der mir klar macht, daß ich tatsächlich in einem sehr fremden Land bin.

Nach einer Stunde Kaffeepause sind wir gestärkt für den nächsten Bazar, der eigentlich die Altstadt ist.
Enge Gassen, die so verwirrend verlaufen, daß wir nach kurzer Zeit die Orientierung verlieren. Alles was man länger als 3 Sekunden ansieht, wird einem sofort angeboten. An einer Kreuzung warten wir auf einen Kollegen, der nach 5 Minuten ankommt und zwei fliegende Händler im Schlepptau hat. Einer zupft auf einer schlecht gestimmten Laute und fragt „Willst Du mit mir wichsen?“
Wir beschließen, dieses Angebot nicht anzunehmen. „Läh Shukran!“ bedeutet „Nein Danke!“ und ist unser wichtigster Satz an diesem Tag.

Schließlich werden wir wieder an unseren Ausgangspunkt zurückgespült. Mittlerweile traut sich auch die Sonne heraus, es ist schwül und stickig, die Stadt wacht auf: hupende Autos, Menschen, viel zu viele Menschen für die schmalen Bürgersteige… wie muß das erst in Kairo sein?
Schlimmer! Versichert mir meine Kollegin. Mit wunden Füßen schleppen wir uns zurück zum Schiff: Au revoir, Tanger!

Nachtrag Tanger 11

Tanger ist, als würde man ein fremde Gewürz, vielleicht Koriander, das erste Mal probieren: erst schmeckt es fremd, vielleicht etwas fad und dann entwickelt sich langsam ein Geschmack, der einem nach anfänglichem Zögern zusagt oder den man ablehnt.

Nach 2 Jahren komme ich noch ein paar Mal her. Der Geruch, der irgendwie an eine alte Lagerhalle voller feuchter Pappkartons erinnert, ist der Gleiche, der Dreck auf den Straßen ist geblieben, aber meine Vorbehalte sind verschwunden. Und plötzlich ist Tanger interessant:

Die Medina, die mir unübersichtlich und verwirrend erschien, ist nach mehrmaligen Besuchen vertraut. Ich mag bummeln und gucken und probieren und begreife, daß es dazu gehört, wenn mir alles angeboten wird, was ich ansehe, es aber kein Problem ist, wenn ich freundlich dankend ablehne.
Einige Händler erkennen mich wieder, wenn ich vorbeikomme und wir tauschen kurz Höflichkeiten aus. Ich esse „Türkischen Honig“ vom Straßenhändler und kleine Pastetchen aus eine Bäckerei.

Und ich habe zwei Lieblings-Cafés gefunden:

„Le Salon Bleu“ befindet sich über der Medina, direkt am Place Kasbah… der Eingang liegt aber etwas versteckt hinter dem Platz.
Das Restaurant ist seinem Namen gerecht weiß-blau, sehr geschmackvoll eingerichtet und hat 2 Dachterrassen. Von der ersten, einer Art Balkon führt eine enge gußeiserne Wendeltreppe auf das Dach, wo man in bequemen Polstern sitzen und auf der einen Seite über die Medina bis zum Meer oder auf der anderen auf den Place Kasbah schauen kann, wo ein Schlangenbeschwörer aktiv wird, sobald Touristen auftauchen.
Das „Zoco Chico“ befindet sich mitten in der Medina. Meine anfängliche Zurückhaltung allem Essen und Trinken gegenüber schwindet hier. Man bekommt unglaublich leckere Falaffel und selbstgemachte Minz-Zitronen-Limonade.

Die erwarteten Magenprobleme bleiben dafür aus.

Neapel

Wahrscheinlich wird jeder, der es wagt etwas schlechtes über diese Stadt zu schreiben, ganz plötzlich eines unvermeidlichen Unfalltodes sterben, falls ihm das nicht schon während seines Aufenthaltes dort passiert ist… ?

Das Schönste an Neapel ist das Ablegen: wenn sich das Schiff langsam dreht und man im schwindenden Licht das Glitzern der Lichter vor dem Vesuv sieht, langsam die Küste entlang fährt und hupende Autos, Motorroller, Lastwagen, Taxen und Busse in der Ferne verschwinden… dann kann man vergessen, wie laut und wie dreckig und wie laut und unfreundlich und wie laut diese Stadt ist.

Während ich innerlich tausend Tode sterbe, lege ich mir äußerlich die Todesverachtung der zu Fuß gehenden Neapolitaner zu.
Um eine Straße zu überqueren, achtet man weder auf Ampeln noch auf heran rasende Autos, man richtet den Blick stur geradeaus und geht – nicht zu zügig! – ohne zu zucken über die Straße, man ignoriert dabei, die Kühlerhauben, die nur 2mm von einem entfernt zum Stehen kommen, überhört das wütende Hupen.
Schaut man den Autos entgegen, denken die Fahrer, man würde sie sehen und könne ausweichen, geht man zu schnell, denken die Fahrer, man würde ihnen ausweichen können.
2 Straßen zu überqueren kostet mich ca. 10 Jahre meines Lebens.

Hat man diese Hürde gemeistert, kann man das Neapel sehen, das man sich vorstellt: schmale, schmutzige Gassen in denen über einem die Wäsche hängt und durch die Motorroller brettern, aber auch große Plätze und eine Uferpromenade auf der man erwartet eine lachende, junge Sophia Loren mit Kopftuch hinter ihrem Gigolo auf einer Vespa vorbeifahren zu sehen.

Die überschäumende Freundlichkeit, die ich von italienischen Restaurants in Deutschland kenne, suche ich hier allerdings vergeblich.